ISO 22000 HACCP-Leitfaden 2026
Lebensmittelsicherheit nach ISO 22000:2018 — HACCP, CCP, Allergen-Matrix, Rueckverfolgbarkeit.
Was ist ISO 22000?
Die ISO 22000:2018 ist die international anerkannte Norm fuer Lebensmittelsicherheits-Managementsysteme (FSMS). Sie wurde erstmals 2005 veroeffentlicht und 2018 grundlegend ueberarbeitet. Die Norm kombiniert allgemein anerkannte Elemente: interaktive Kommunikation entlang der Lebensmittelkette, Systemmanagement, Praeventivprogramme (PRPs) und die HACCP-Prinzipien des Codex Alimentarius.
ISO 22000 richtet sich an alle Organisationen in der Lebensmittelkette — von der Primaerproduktion ueber Verarbeitung, Transport und Lagerung bis hin zu Einzelhandel und Gastronomie. Auch Zulieferer von Verpackungen, Reinigungsmitteln oder Anlagen fuer die Lebensmittelproduktion fallen in den Anwendungsbereich.
Die Revision 2018 fuehrte die High Level Structure (HLS) ein, die ISO 22000 mit ISO 9001, ISO 14001 und ISO 45001 teilt. Damit laesst sich ein Lebensmittelsicherheitssystem nahtlos in ein bestehendes integriertes Managementsystem (IMS) einbinden.
Anwendungsbereich in der Lebensmittelkette
- Primaerproduzenten (Landwirtschaft, Fischerei, Milchwirtschaft)
- Lebensmittelverarbeiter und -hersteller
- Transport- und Lagerunternehmen (Kuehlketten-Management)
- Grosshandel und Einzelhandel
- Catering, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung
- Hersteller von Verpackungsmaterialien mit Lebensmittelkontakt
- Hersteller von Reinigungsmitteln und Schaedlingsbekaempfungsmitteln
- Hersteller von Lebensmittelzusatzstoffen und Aromen
In Deutschland ergaenzt ISO 22000 die nationalen und europaeischen Vorschriften, insbesondere die EU-Verordnung (EG) Nr. 852/2004 (Lebensmittelhygiene), die LMHV (Lebensmittelhygiene-Verordnung) und die EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002 (Basisverordnung Lebensmittelrecht). Die HACCP-Pflicht ist in Artikel 5 der VO (EG) 852/2004 gesetzlich verankert.
HACCP-Grundlagen
HACCP steht fuer Hazard Analysis and Critical Control Points (Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte). Das Konzept wurde urspruenglich in den 1960er-Jahren von der Pillsbury Company fuer die NASA entwickelt, um die Sicherheit von Astronautennahrung zu gewaehrleisten. Heute ist HACCP der weltweit anerkannte Standard fuer praeventive Lebensmittelsicherheit.
HACCP basiert auf dem Grundsatz: Praevention statt Endprodukt-Kontrolle. Anstatt das fertige Produkt auf Gefahren zu testen, werden potenzielle Gefahren systematisch im gesamten Produktionsprozess identifiziert und an kritischen Punkten kontrolliert.
Die 5 vorlaeufigen Schritte
Bevor die 7 HACCP-Prinzipien angewendet werden, muessen fuenf vorbereitende Schritte abgeschlossen sein:
- Schritt 1: HACCP-Team zusammenstellen (interdisziplinaer, mit Fachkenntnissen)
- Schritt 2: Produktbeschreibung erstellen (Zusammensetzung, Haltbarkeit, Lagerung, Zielgruppe)
- Schritt 3: Verwendungszweck bestimmen (bestimmungsgemaesser Gebrauch, vulnerable Gruppen)
- Schritt 4: Flussdiagramm erstellen (vom Wareneingang bis zur Auslieferung)
- Schritt 5: Flussdiagramm vor Ort verifizieren (Abgleich mit der Realitaet)
ISO 22000 integriert diese vorbereitenden Schritte und die 7 HACCP-Prinzipien in ein umfassendes Managementsystem, das ueber reines HACCP hinausgeht — mit Kontext der Organisation, Fuehrung, Ressourcenmanagement und fortlaufender Verbesserung.
Die 7 HACCP-Prinzipien
Die sieben HACCP-Prinzipien bilden das Kerngeruest der Gefahrenkontrolle in jedem Lebensmittelsicherheitssystem. ISO 22000 integriert sie in Klausel 8 (Betrieb).
Prinzip 1 — Gefahrenanalyse durchfuehren
Identifizierung aller potenziellen Gefahren (biologisch, chemisch, physikalisch und seit ISO 22000:2018 auch allergenbezogen) in jeder Stufe des Prozesses. Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere. Festlegung von Praeventionsmassnahmen.
Prinzip 2 — Kritische Kontrollpunkte (CCPs) bestimmen
Ein CCP ist ein Punkt im Prozess, an dem eine Kontrolle angewendet werden kann und wesentlich ist, um eine Gefahr zu verhindern, zu beseitigen oder auf ein akzeptables Mass zu reduzieren. Die Bestimmung erfolgt typischerweise mit dem CCP-Entscheidungsbaum (Codex Alimentarius).
Prinzip 3 — Kritische Grenzwerte festlegen
Fuer jeden CCP werden messbare kritische Grenzwerte definiert, die zwischen sicher und unsicher unterscheiden. Beispiele: Kerntemperatur ≥ 72 °C bei Pasteurisierung, pH-Wert ≤ 4,6 bei Saeurekonservierung, Metalldetektionsschwelle ≤ 1,5 mm.
Prinzip 4 — Ueberwachungssystem einrichten
Geplante Messungen oder Beobachtungen zur Ueberwachung jedes CCPs. Die Ueberwachung muss die Einhaltung der kritischen Grenzwerte nachweisen. Sie umfasst: Was wird gemessen, wie (Methode), wie oft (Frequenz) und wer ist verantwortlich.
Prinzip 5 — Korrekturmassnahmen festlegen
Vorab definierte Massnahmen, die ergriffen werden, wenn die Ueberwachung zeigt, dass ein CCP nicht unter Kontrolle ist. Korrekturmassnahmen umfassen: Ursachenbeseitigung, Bewertung der betroffenen Produkte und Dokumentation der getroffenen Massnahme.
Prinzip 6 — Verifizierungsverfahren einrichten
Massnahmen zur Bestaetigung, dass das HACCP-System wirksam funktioniert. Dazu gehoeren: interne Audits, Labortests, Ueberprufung der Ueberwachungsaufzeichnungen und Kalibrierung von Messinstrumenten.
Prinzip 7 — Dokumentation und Aufzeichnungen fuehren
Vollstaendige Dokumentation des HACCP-Plans und aller relevanten Aufzeichnungen: Gefahrenanalyse, CCP-Bestimmung, kritische Grenzwerte, Ueberwachungsergebnisse, Korrekturmassnahmen, Verifizierungsergebnisse.
| Prinzip | Kernfrage | Beispiel |
|---|---|---|
| 1. Gefahrenanalyse | Welche Gefahren koennen auftreten? | Salmonellen im Rohfleisch |
| 2. CCPs bestimmen | Wo muss kontrolliert werden? | Erhitzungsschritt (Kochen/Pasteurisieren) |
| 3. Grenzwerte | Was ist der Schwellenwert? | Kerntemperatur ≥ 72 °C fuer 15 Sekunden |
| 4. Ueberwachung | Wie wird kontrolliert? | Temperaturlogger alle 30 Minuten |
| 5. Korrektur | Was bei Abweichung? | Produkt sperren, Ursache ermitteln |
| 6. Verifizierung | Funktioniert das System? | Monatliche Labortests, jaehrliches Audit |
| 7. Dokumentation | Was wird aufgezeichnet? | Temperaturprotokolle, Korrekturberichte |
CCP vs OPRP vs PRP — Die drei Steuerungsebenen
ISO 22000 unterscheidet drei Ebenen von Steuerungsmassnahmen, die zusammen ein vollstaendiges Kontrollsystem bilden. Das Verstaendnis dieser Ebenen ist entscheidend fuer die korrekte Implementierung.
PRP — Praeventivprogramm (Prerequisite Programme)
PRPs sind grundlegende Hygienemassnahmen, die vor und unabhaengig von der HACCP-Analyse gelten. Sie schaffen die Basis fuer Lebensmittelsicherheit. In ISO 22000 werden PRPs in Klausel 8.2 behandelt. Branchenspezifische Anforderungen definiert ISO/TS 22002-1 (ehemals PAS 220).
- Gebaeudegestaltung und Raumlayout (Materialfluss, Trennung rein/unrein)
- Reinigung und Desinfektion (Reinigungs- und Desinfektionsplaene)
- Schaedlingsbekaempfung (Monitoring, Koederplaene, Dokumentation)
- Personalhygiene (Handwasche, Schutzkleidung, Schmuckverbot)
- Abfallmanagement und Abwasserentsorgung
- Wassermanagement (Trinkwasserqualitaet, Probenplan)
- Lieferantenmanagement und Wareneingangspruefung
- Lagerung und Transport (Kuehlkettenmanagement)
OPRP — Operatives Praeventivprogramm
Ein OPRP ist eine Steuerungsmassnahme, die durch die Gefahrenanalyse als notwendig identifiziert wird, aber kein CCP ist. OPRPs haben keine kritischen Grenzwerte, sondern Handlungskriterien (Action Criteria). Eine Abweichung beim OPRP fuehrt nicht zwingend zu unsicheren Produkten, erfordert aber dennoch Korrekturmassnahmen.
Beispiele fuer OPRPs:
- Allergentrennung bei der Lagerung (separierte Bereiche)
- Kuehlkettenueberwachung beim internen Transport
- Visuelle Fremdkoerperkontrolle am Band
- Reinigungsvalidierung nach Allergenwechsel
CCP — Kritischer Kontrollpunkt
Ein CCP ist der Punkt im Prozess, an dem die Kontrolle wesentlich ist, um eine Gefahr zu verhindern, zu beseitigen oder auf ein akzeptables Mass zu reduzieren. CCPs haben messbare kritische Grenzwerte, deren Ueberschreitung bedeutet, dass das Produkt potenziell unsicher ist.
| Merkmal | PRP | OPRP | CCP |
|---|---|---|---|
| Grundlage | Allgemeine Hygiene | Gefahrenanalyse | Gefahrenanalyse |
| Grenzwerte | Keine | Handlungskriterien | Kritische Grenzwerte |
| Ueberwachung | Regelmaessig (z.B. Audit) | Geplant | Kontinuierlich oder haeufig |
| Bei Abweichung | Korrektur | Korrekturmassnahme + Produktbewertung | Sofortige Korrektur, Produktsperrung |
| Beispiel | Handwasche-Prozedur | Allergentrennung Lager | Pasteurisierung 72 °C |
Praxistipp: Nicht jeder Prozessschritt ist ein CCP. Ein haeufiger Fehler ist die Ueberdefinition von CCPs, was zu einer unuebersichtlichen und schwer handhabbaren Dokumentation fuehrt. In der Praxis haben die meisten Betriebe 2–5 echte CCPs.
Gefahrenanalyse nach ISO 22000
Die Gefahrenanalyse ist das Herzstueeck von ISO 22000 (Klausel 8.5.2). Sie identifiziert und bewertet alle potenziellen Gefahren, die in der Lebensmittelkette auftreten koennen, und bestimmt die angemessenen Steuerungsmassnahmen.
Kategorien von Gefahren
- Biologische Gefahren: Pathogene Mikroorganismen (Salmonellen, Listerien, E. coli STEC, Campylobacter), Viren (Norovirus, Hepatitis A), Parasiten (Anisakis, Trichinen), Schimmelpilze und Mykotoxine
- Chemische Gefahren: Pestizidrueckstaende, Schwermetalle, Reinigungsmittelrueckstaende, Migrationsstoffe aus Verpackungen, Prozessbedingte Kontaminanten (Acrylamid, PAK), Tierarzneimittelrueckstaende, Allergene
- Physikalische Gefahren: Glas, Metall, Kunststoff, Holz, Steine, Knochen, Insektenteile — alles, was Verletzungen verursachen kann (Erstickung, Zahnbruch, Schnittverletzung)
- Allergene Gefahren: Die 14 EU-kennzeichnungspflichtigen Allergene gemaess VO (EU) Nr. 1169/2011 (siehe Abschnitt Allergen-Management)
Bewertungsmethode
Jede identifizierte Gefahr wird nach zwei Kriterien bewertet:
- Schwere der gesundheitlichen Auswirkung: Von leichter Unwohlsein bis lebensbedrohlich/toedlich
- Wahrscheinlichkeit des Auftretens: Unter Beruecksichtigung der bestehenden PRPs und bisherigen Erfahrungen
Gefahren mit hoher Schwere und/oder hoher Wahrscheinlichkeit erfordern spezifische Steuerungsmassnahmen (OPRP oder CCP). Gefahren mit niedriger Bewertung werden durch bestehende PRPs abgedeckt.
Risikomatrix fuer Lebensmittelsicherheit
| Wahrscheinlichkeit / Schwere | Gering | Mittel | Hoch | Sehr hoch |
|---|---|---|---|---|
| Haeufig | OPRP | CCP | CCP | CCP |
| Wahrscheinlich | PRP | OPRP | CCP | CCP |
| Moeglich | PRP | PRP | OPRP | CCP |
| Selten | PRP | PRP | PRP | OPRP |
Wichtig: Die Gefahrenanalyse ist kein einmaliger Vorgang. Sie muss bei jeder Aenderung aktualisiert werden — neue Rohstoffe, neue Produkte, Prozessaenderungen, Lieferantenwechsel, neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Rueckruf-Informationen aus der Branche.
Allergen-Management
Allergene gehoeren zu den kritischsten Gefahren in der Lebensmittelproduktion. In der EU muessen gemaess Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV) 14 Hauptallergene in der Zutatenliste hervorgehoben werden. Fuer unverpackte Lebensmittel gelten nationale Vorschriften (in Deutschland die LMIDV).
Die 14 EU-Hauptallergene
| Nr. | Allergen | Beispiele |
|---|---|---|
| 1 | Glutenhaltiges Getreide | Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel |
| 2 | Krebstiere | Garnelen, Krabben, Hummer |
| 3 | Eier | Huehnerei und Erzeugnisse daraus |
| 4 | Fisch | Alle Fischarten |
| 5 | Erdnuesse | Erdnuesse und Erzeugnisse daraus |
| 6 | Sojabohnen | Soja und Erzeugnisse daraus |
| 7 | Milch (Laktose) | Kuhmilch und Erzeugnisse daraus |
| 8 | Schalenfruechte | Mandeln, Haselnuesse, Walnuesse, Cashewnuesse, Pecannuesse, Paranuss, Pistazie, Macadamia |
| 9 | Sellerie | Knollen- und Staudensellerie |
| 10 | Senf | Senfkoerner, Senfpulver, Senfoel |
| 11 | Sesamsamen | Sesam und Erzeugnisse daraus |
| 12 | Schwefeldioxid / Sulfite | Konzentration > 10 mg/kg oder 10 mg/l SO2 |
| 13 | Lupinen | Lupinensamen, Lupinenmehl |
| 14 | Weichtiere | Muscheln, Tintenfisch, Schnecken |
Allergen-Management-Programm
Ein wirksames Allergen-Management umfasst:
- Allergen-Matrix: Tabellarische Uebersicht aller Produkte und ihrer Allergengehalte (enthalten, Kreuzkontamination moeglich, frei von)
- Lieferantenmanagement: Allergendeklaration bei jedem Rohstoff einfordern, Spezifikationen pruefen
- Produktionsplanung: Allergenbehaftete Produkte zuletzt produzieren, Reinigung zwischen Chargen validieren
- Trennung: Separate Lagerung allergenhaltiger Rohstoffe, farbcodierte Utensilien
- Reinigungsvalidierung: Nachweis, dass Allergenrueckstaende nach der Reinigung unter dem Schwellenwert liegen (z.B. Lateral-Flow-Tests)
- Schulung: Alle Mitarbeiter muessen die Allergene und die betrieblichen Massnahmen kennen
- Rueckverfolgbarkeit: Allergenstatus auf Chargenebene nachvollziehbar
Praxistipp: Der Hinweis "Kann Spuren von ... enthalten" ist eine freiwillige Angabe und darf nur verwendet werden, wenn trotz aller Massnahmen ein reales Kreuzkontaminationsrisiko besteht. Er ersetzt keine Allergensteuerung und darf nicht pauschal auf alle Produkte gedruckt werden.
Rueckverfolgbarkeit (Traceability)
Die Rueckverfolgbarkeit ist nach Artikel 18 der EU-Basisverordnung (EG) Nr. 178/2002 fuer alle Lebensmittelunternehmer gesetzlich vorgeschrieben und ein zentrales Element von ISO 22000 (Klausel 8.3). Sie ermoeglicht die lueckenlose Verfolgung eines Lebensmittels durch alle Stufen der Produktion, Verarbeitung und Distribution.
Das Prinzip "One Step Back, One Step Forward"
Jedes Unternehmen in der Lebensmittelkette muss mindestens wissen:
- One Step Back: Von wem habe ich die Rohstoffe/Zutaten erhalten? (Lieferant, Charge, Datum)
- One Step Forward: An wen habe ich das Produkt geliefert? (Kunde, Menge, Datum)
Intern muss die interne Rueckverfolgbarkeit sicherstellen, dass jede Produktionscharge zu den eingesetzten Rohstoffchargen zurueckverfolgt werden kann. Dies erfordert ein systematisches Chargenmanagement.
Anforderungen an das Rueckverfolgbarkeitssystem
- Chargenkennzeichnung: Jede Produktionscharge erhaelt eine eindeutige Kennung
- Rohstoffzuordnung: Welche Rohstoffchargen sind in welche Produktchargen eingeflossen?
- Zeitstempel: Wann wurden Rohstoffe eingesetzt, Produkte hergestellt und ausgeliefert?
- Mengenbilanz: Input-Output-Bilanz zur Verifikation der Daten
- Schnelligkeit: ISO 22000 erwartet, dass Rueckverfolgbarkeitsdaten innerhalb von 4 Stunden verfuegbar sind. In der Praxis fordern Handelspartner oft 2 Stunden oder weniger.
Rueckverfolgbarkeitsuebung (Mock Recall)
ISO 22000 und die meisten Handelstandards (IFS, BRC) fordern regelmaessige Rueckverfolgbarkeitsuebungen. Dabei wird anhand einer realen Charge die vollstaendige Kette vorwaerts (Welche Kunden haben die Charge erhalten?) und rueckwaerts (Welche Rohstoffe stecken in der Charge?) nachvollzogen.
Bewertungskriterien: Vollstaendigkeit (≥ 100 % der Menge nachvollzogen), Geschwindigkeit (innerhalb des Zeitziels, z.B. 4 Stunden) und Genauigkeit (korrekte Zuordnung der Chargen). Eine Abweichung bei der Mengenbilanz von mehr als 2 % deutet auf Schwaechen im System hin.
Rueckrufplaene und Krisenmanagement
Ein Rueckruf ist die schwerwiegendste Massnahme in der Lebensmittelsicherheit. ISO 22000 (Klausel 8.9.5) fordert, dass Organisationen ein dokumentiertes Verfahren fuer den Umgang mit potenziell unsicheren Produkten haben, einschliesslich Rueckruf und Ruecknahme.
Rueckruf vs. Ruecknahme
- Rueckruf (Recall): Produkt hat den Endverbraucher bereits erreicht. Oeffentliche Warnung erforderlich (z.B. ueber lebensmittelwarnung.de)
- Ruecknahme (Withdrawal): Produkt ist noch im Handel, aber nicht beim Endverbraucher. Stille Entfernung aus dem Regal moeglich.
Elemente eines Rueckrufplans
- Krisenteam: Namentlich benannte Personen mit klaren Rollen (Leiter, Kommunikation, Logistik, Qualitaet, Rechtsabteilung)
- Kontaktlisten: Kunden, Lieferanten, Behoerden (zustaendige Lebensmittelueberwachung), Labore, Medien
- Entscheidungsmatrix: Wann Rueckruf, wann Ruecknahme? Kriterien: Gesundheitsrisiko, Verbreitung, Zielgruppe
- Kommunikationsvorlagen: Vorbereitete Texte fuer Kunden, Behoerden, Presse und Verbraucher
- Logistik: Wie werden Produkte physisch zurueckgeholt? Quarantaene-Lager, Vernichtungsnachweis
- Rueckverfolgbarkeit: Betroffene Chargen identifizieren (siehe vorheriger Abschnitt)
- Nachbereitung: Ursachenanalyse, CAPA, Lessons Learned, Aktualisierung der Gefahrenanalyse
Meldepflichten in Deutschland
Lebensmittelunternehmer sind nach Artikel 19 VO (EG) 178/2002 verpflichtet, die zustaendige Behoerde unverzueglich zu informieren, wenn sie Grund zu der Annahme haben, dass ein Lebensmittel nicht sicher ist. In der Praxis bedeutet das: sofortige Meldung an das zustaendige Veterinaeraamt / die Lebensmittelueberwachung. Die Behoerde meldet ueber das RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed) europaweit.
Rueckrufuebung (Mock Recall)
Mindestens einmal jaehrlich sollte eine vollstaendige Rueckrufuebung durchgefuehrt werden. Diese simuliert den gesamten Prozess von der Entscheidung bis zur Benachrichtigung aller Kunden. Ergebnisse: Zeitbedarf, Erreichbarkeit der Kontakte, Vollstaendigkeit der Rueckverfolgbarkeitsdaten.
Praxistipp: Fuehren Sie die Rueckrufuebung an einem regulaeren Arbeitstag durch, nicht an einem eigens vorbereiteten Termin. Nur so zeigen sich reale Schwaechen in der Erreichbarkeit und Datenverfuegbarkeit.
Zertifizierung nach ISO 22000
Die Zertifizierung nach ISO 22000 erfolgt durch eine akkreditierte Zertifizierungsstelle. In Deutschland erfolgt die Akkreditierung durch die DAkkS. Der Zertifizierungsprozess aehnelt dem anderer ISO-Normen, hat aber lebensmittelspezifische Besonderheiten.
Phasen der Zertifizierung
- Phase 0 — Aufbau des FSMS (6–18 Monate): HACCP-Plan erstellen, PRPs implementieren, Verfahren dokumentieren, Personal schulen, interne Audits durchfuehren.
- Phase 1 — Stage 1 Audit (Dokumentenpruefung): Bewertung der Dokumentation, des HACCP-Plans und der Gefahrenanalyse. Typisch 1–2 Tage.
- Phase 2 — Stage 2 Audit (Vor-Ort): Produktionsbereiche begehen, Hygienezustand pruefen, Aufzeichnungen einsehen, Mitarbeiter befragen. Typisch 2–5 Tage.
- Zertifikatserteilung: Gueltigkeit 3 Jahre.
- Ueberwachungsaudits: Jaehrlich (Jahre 2 und 3).
- Re-Zertifizierung: Alle 3 Jahre vollstaendiges Audit.
Typische Nichtkonformitaeten
| Bereich | Haeufige Feststellung | Schwere |
|---|---|---|
| Gefahrenanalyse | Allergene nicht beruecksichtigt oder unvollstaendig | Hauptabweichung |
| CCP-Ueberwachung | Luecken in den Temperaturaufzeichnungen | Hauptabweichung |
| PRPs | Schaedlingsmonitoring-Berichte veraltet | Nebenabweichung |
| Rueckverfolgbarkeit | Mock Recall nicht durchgefuehrt oder nicht dokumentiert | Nebenabweichung |
| Kompetenz | HACCP-Schulung des Teams nicht nachweisbar | Nebenabweichung |
| Verifizierung | Internes Audit des HACCP-Systems fehlt | Hauptabweichung |
ISO 22000 vs. IFS / BRC / FSSC 22000
Neben ISO 22000 existieren weitere Standards fuer Lebensmittelsicherheit:
- FSSC 22000: Aufbauend auf ISO 22000 + ISO/TS 22002-1 + Zusatzanforderungen. Von der GFSI anerkannt.
- IFS Food: Eigener Standard, verbreitet im deutschsprachigen und franzoesischen Handel. Von der GFSI anerkannt.
- BRC Global Standard: Britischer Standard, international verbreitet. Von der GFSI anerkannt.
Wichtig: ISO 22000 allein ist nicht GFSI-anerkannt. Wer die GFSI-Anerkennung benoetigt (Anforderung vieler Handelskonzerne), sollte FSSC 22000, IFS oder BRC waehlen. ISO 22000 bleibt jedoch die Grundlage fuer FSSC 22000.
Wie CERTISCAN bei ISO 22000 hilft
CERTISCAN unterstuetzt Lebensmittelunternehmen bei der Umsetzung und Aufrechterhaltung eines Lebensmittelsicherheits-Managementsystems nach ISO 22000 mit folgenden Funktionen:
HACCP-Dokumentation im IMS
Das integrierte Managementsystem (IMS) von CERTISCAN deckt alle 10 Klauseln der ISO 22000 ab. Der HACCP-Plan, die Gefahrenanalyse, CCP- und OPRP-Beschreibungen, Verifizierungsnachweise und Korrekturmassnahmen werden zentral verwaltet. Dokumente durchlaufen den definierten Lebenszyklus mit lueckenloser Versionierung.
Allergen-Matrix und Spezifikationsmanagement
Verwalten Sie Ihre Allergen-Matrix digital. Bei Rezeptur- oder Lieferantenaenderungen werden betroffene Produkte automatisch markiert. Spezifikationen von Lieferanten koennen mit Faelligkeiten hinterlegt werden — CERTISCAN erinnert rechtzeitig an die Aktualisierung.
Rueckverfolgbarkeit und Chargenmanagement
Die QR-Code-basierte Dokumentation von CERTISCAN ermoeglicht die Erfassung von Chargeninformationen direkt am Prozessschritt. Rueckverfolgbarkeitsabfragen (vorwaerts und rueckwaerts) sind in Echtzeit durchfuehrbar — ideal fuer Mock Recalls und reale Krisensituationen.
Pruefungs- und Ueberwachungsdokumentation
CCP-Ueberwachungsdaten (z.B. Temperaturwerte) koennen per App oder IoT-Sensoren erfasst werden. Abweichungen loesen automatische Benachrichtigungen aus. Alle Daten fliessen in den WORM-Audit-Trail und sind manipulationssicher gespeichert.
Audit-Vorbereitung und Compliance-Score
Der Compliance-Score zeigt auf einen Blick, wie gut Ihre Organisation die Anforderungen der ISO 22000 erfuellt. Der KI-gestuetzte Auditbericht identifiziert Luecken in Ihrer HACCP-Dokumentation und gibt Empfehlungen. Sicherheitsbegehungen und interne Audits koennen direkt in CERTISCAN geplant und dokumentiert werden.
Schulungsmanagement
HACCP-Schulungen, Hygieneschulungen nach VO (EG) 852/2004 und Allergenschulungen verwalten. CERTISCAN erinnert automatisch an faellige Auffrischungen und dokumentiert die Teilnahme lueckenlos — ein haeufiger Pruefungspunkt bei Zertifizierungsaudits.
Ergebnis: Lueckenlose digitale Dokumentation, schnelle Rueckverfolgbarkeit auf Knopfdruck und die Sicherheit, bei Audits und Behoerdenkontrollen jederzeit auskunftsfaehig zu sein.
Haeufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen HACCP und ISO 22000?
Ist ISO 22000 in Deutschland Pflicht?
Was ist ein CCP (Critical Control Point)?
Was ist der Unterschied zwischen CCP und OPRP?
Wie viele CCPs sollte ein Betrieb haben?
Welche Allergene muessen in der EU gekennzeichnet werden?
Was ist ein Mock Recall?
Ist ISO 22000 von der GFSI anerkannt?
Wie oft muss die Gefahrenanalyse aktualisiert werden?
Was kostet die Zertifizierung nach ISO 22000?
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