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Knowledge/ISO 22000 HACCP-Leitfaden 2026
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ISO 22000 HACCP-Leitfaden 2026

Lebensmittelsicherheit nach ISO 22000:2018 — HACCP, CCP, Allergen-Matrix, Rückverfolgbarkeit.

CSChristoph Schulz19 min readUpdated: Apr 2, 2026
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DSGVOAES-256WORM-AUDITXRECHNUNGCSRD
Contents
  1. 01Was ist ISO 22000?
  2. 02HACCP-Grundlagen
  3. 03Die 7 HACCP-Prinzipien
  4. 04CCP vs OPRP vs PRP — Die drei Steuerungsebenen
  5. 05Gefahrenanalyse nach ISO 22000
  6. 06Allergen-Management
  7. 07Rückverfolgbarkeit (Traceability)
  8. 08Rückrufpläne und Krisenmanagement
  9. 09Zertifizierung nach ISO 22000
  10. 10Wie CERTISCAN bei ISO 22000 hilft

Was ist ISO 22000?

Die ISO 22000:2018 ist die international anerkannte Norm für Lebensmittelsicherheits-Managementsysteme (FSMS). Sie wurde erstmals 2005 veröffentlicht und 2018 grundlegend überarbeitet. Die Norm kombiniert allgemein anerkannte Elemente: interaktive Kommunikation entlang der Lebensmittelkette, Systemmanagement, Präventivprogramme (PRPs) und die HACCP-Prinzipien des Codex Alimentarius.

ISO 22000 richtet sich an alle Organisationen in der Lebensmittelkette — von der Primärproduktion über Verarbeitung, Transport und Lagerung bis hin zu Einzelhandel und Gastronomie. Auch Zulieferer von Verpackungen, Reinigungsmitteln oder Anlagen für die Lebensmittelproduktion fallen in den Anwendungsbereich.

Die Revision 2018 führte die High Level Structure (HLS) ein, die ISO 22000 mit ISO 9001, ISO 14001 und ISO 45001 teilt. Damit lässt sich ein Lebensmittelsicherheitssystem nahtlos in ein bestehendes integriertes Managementsystem (IMS) einbinden.

Anwendungsbereich in der Lebensmittelkette

  • Primärproduzenten (Landwirtschaft, Fischerei, Milchwirtschaft)
  • Lebensmittelverarbeiter und -hersteller
  • Transport- und Lagerunternehmen (Kühlketten-Management)
  • Großhandel und Einzelhandel
  • Catering, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung
  • Hersteller von Verpackungsmaterialien mit Lebensmittelkontakt
  • Hersteller von Reinigungsmitteln und Schädlingsbekämpfungsmitteln
  • Hersteller von Lebensmittelzusatzstoffen und Aromen

In Deutschland ergänzt ISO 22000 die nationalen und europäischen Vorschriften, insbesondere die EU-Verordnung (EG) Nr. 852/2004 (Lebensmittelhygiene), die LMHV (Lebensmittelhygiene-Verordnung) und die EU-Verordnung (EG) Nr. 178/2002 (Basisverordnung Lebensmittelrecht). Die HACCP-Pflicht ist in Artikel 5 der VO (EG) 852/2004 gesetzlich verankert.

HACCP-Grundlagen

HACCP steht für Hazard Analysis and Critical Control Points (Gefahrenanalyse und kritische Kontrollpunkte). Das Konzept wurde ursprünglich in den 1960er-Jahren von der Pillsbury Company für die NASA entwickelt, um die Sicherheit von Astronautennahrung zu gewährleisten. Heute ist HACCP der weltweit anerkannte Standard für präventive Lebensmittelsicherheit.

HACCP basiert auf dem Grundsatz: Prävention statt Endprodukt-Kontrolle. Anstatt das fertige Produkt auf Gefahren zu testen, werden potenzielle Gefahren systematisch im gesamten Produktionsprozess identifiziert und an kritischen Punkten kontrolliert.

Die 5 vorläufigen Schritte

Bevor die 7 HACCP-Prinzipien angewendet werden, müssen fünf vorbereitende Schritte abgeschlossen sein:

  • Schritt 1: HACCP-Team zusammenstellen (interdisziplinär, mit Fachkenntnissen)
  • Schritt 2: Produktbeschreibung erstellen (Zusammensetzung, Haltbarkeit, Lagerung, Zielgruppe)
  • Schritt 3: Verwendungszweck bestimmen (bestimmungsgemäßer Gebrauch, vulnerable Gruppen)
  • Schritt 4: Flussdiagramm erstellen (vom Wareneingang bis zur Auslieferung)
  • Schritt 5: Flussdiagramm vor Ort verifizieren (Abgleich mit der Realität)

ISO 22000 integriert diese vorbereitenden Schritte und die 7 HACCP-Prinzipien in ein umfassendes Managementsystem, das über reines HACCP hinausgeht — mit Kontext der Organisation, Führung, Ressourcenmanagement und fortlaufender Verbesserung.

Die 7 HACCP-Prinzipien

Die sieben HACCP-Prinzipien bilden das Kerngerüst der Gefahrenkontrolle in jedem Lebensmittelsicherheitssystem. ISO 22000 integriert sie in Klausel 8 (Betrieb).

Prinzip 1 — Gefahrenanalyse durchführen

Identifizierung aller potenziellen Gefahren (biologisch, chemisch, physikalisch und seit ISO 22000:2018 auch allergenbezogen) in jeder Stufe des Prozesses. Bewertung der Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere. Festlegung von Präventionsmaßnahmen.

Prinzip 2 — Kritische Kontrollpunkte (CCPs) bestimmen

Ein CCP ist ein Punkt im Prozess, an dem eine Kontrolle angewendet werden kann und wesentlich ist, um eine Gefahr zu verhindern, zu beseitigen oder auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. Die Bestimmung erfolgt typischerweise mit dem CCP-Entscheidungsbaum (Codex Alimentarius).

Prinzip 3 — Kritische Grenzwerte festlegen

Für jeden CCP werden messbare kritische Grenzwerte definiert, die zwischen sicher und unsicher unterscheiden. Beispiele: Kerntemperatur ≥ 72 °C bei Pasteurisierung, pH-Wert ≤ 4,6 bei Säurekonservierung, Metalldetektionsschwelle ≤ 1,5 mm.

Prinzip 4 — Überwachungssystem einrichten

Geplante Messungen oder Beobachtungen zur Überwachung jedes CCPs. Die Überwachung muss die Einhaltung der kritischen Grenzwerte nachweisen. Sie umfasst: Was wird gemessen, wie (Methode), wie oft (Frequenz) und wer ist verantwortlich.

Prinzip 5 — Korrekturmaßnahmen festlegen

Vorab definierte Maßnahmen, die ergriffen werden, wenn die Überwachung zeigt, dass ein CCP nicht unter Kontrolle ist. Korrekturmaßnahmen umfassen: Ursachenbeseitigung, Bewertung der betroffenen Produkte und Dokumentation der getroffenen Maßnahme.

Prinzip 6 — Verifizierungsverfahren einrichten

Maßnahmen zur Bestätigung, dass das HACCP-System wirksam funktioniert. Dazu gehören: interne Audits, Labortests, Überprüfung der Überwachungsaufzeichnungen und Kalibrierung von Messinstrumenten.

Prinzip 7 — Dokumentation und Aufzeichnungen führen

Vollständige Dokumentation des HACCP-Plans und aller relevanten Aufzeichnungen: Gefahrenanalyse, CCP-Bestimmung, kritische Grenzwerte, Überwachungsergebnisse, Korrekturmaßnahmen, Verifizierungsergebnisse.

PrinzipKernfrageBeispiel
1. GefahrenanalyseWelche Gefahren können auftreten?Salmonellen im Rohfleisch
2. CCPs bestimmenWo muss kontrolliert werden?Erhitzungsschritt (Kochen/Pasteurisieren)
3. GrenzwerteWas ist der Schwellenwert?Kerntemperatur ≥ 72 °C für 15 Sekunden
4. ÜberwachungWie wird kontrolliert?Temperaturlogger alle 30 Minuten
5. KorrekturWas bei Abweichung?Produkt sperren, Ursache ermitteln
6. VerifizierungFunktioniert das System?Monatliche Labortests, jährliches Audit
7. DokumentationWas wird aufgezeichnet?Temperaturprotokolle, Korrekturberichte

CCP vs OPRP vs PRP — Die drei Steuerungsebenen

ISO 22000 unterscheidet drei Ebenen von Steuerungsmaßnahmen, die zusammen ein vollständiges Kontrollsystem bilden. Das Verständnis dieser Ebenen ist entscheidend für die korrekte Implementierung.

PRP — Präventivprogramm (Prerequisite Programme)

PRPs sind grundlegende Hygienemaßnahmen, die vor und unabhängig von der HACCP-Analyse gelten. Sie schaffen die Basis für Lebensmittelsicherheit. In ISO 22000 werden PRPs in Klausel 8.2 behandelt. Branchenspezifische Anforderungen definiert ISO/TS 22002-1 (ehemals PAS 220).

  • Gebäudegestaltung und Raumlayout (Materialfluss, Trennung rein/unrein)
  • Reinigung und Desinfektion (Reinigungs- und Desinfektionspläne)
  • Schädlingsbekämpfung (Monitoring, Köderpläne, Dokumentation)
  • Personalhygiene (Handwasche, Schutzkleidung, Schmuckverbot)
  • Abfallmanagement und Abwasserentsorgung
  • Wassermanagement (Trinkwasserqualität, Probenplan)
  • Lieferantenmanagement und Wareneingangsprüfung
  • Lagerung und Transport (Kühlkettenmanagement)

OPRP — Operatives Präventivprogramm

Ein OPRP ist eine Steuerungsmaßnahme, die durch die Gefahrenanalyse als notwendig identifiziert wird, aber kein CCP ist. OPRPs haben keine kritischen Grenzwerte, sondern Handlungskriterien (Action Criteria). Eine Abweichung beim OPRP führt nicht zwingend zu unsicheren Produkten, erfordert aber dennoch Korrekturmaßnahmen.

Beispiele für OPRPs:

  • Allergentrennung bei der Lagerung (separierte Bereiche)
  • Kühlkettenüberwachung beim internen Transport
  • Visuelle Fremdkörperkontrolle am Band
  • Reinigungsvalidierung nach Allergenwechsel

CCP — Kritischer Kontrollpunkt

Ein CCP ist der Punkt im Prozess, an dem die Kontrolle wesentlich ist, um eine Gefahr zu verhindern, zu beseitigen oder auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. CCPs haben messbare kritische Grenzwerte, deren Überschreitung bedeutet, dass das Produkt potenziell unsicher ist.

MerkmalPRPOPRPCCP
GrundlageAllgemeine HygieneGefahrenanalyseGefahrenanalyse
GrenzwerteKeineHandlungskriterienKritische Grenzwerte
ÜberwachungRegelmäßig (z.B. Audit)GeplantKontinuierlich oder häufig
Bei AbweichungKorrekturKorrekturmaßnahme + ProduktbewertungSofortige Korrektur, Produktsperrung
BeispielHandwasche-ProzedurAllergentrennung LagerPasteurisierung 72 °C

Praxistipp: Nicht jeder Prozessschritt ist ein CCP. Ein häufiger Fehler ist die Überdefinition von CCPs, was zu einer unübersichtlichen und schwer handhabbaren Dokumentation führt. In der Praxis haben die meisten Betriebe 2–5 echte CCPs.

Gefahrenanalyse nach ISO 22000

Die Gefahrenanalyse ist das Herzstück von ISO 22000 (Klausel 8.5.2). Sie identifiziert und bewertet alle potenziellen Gefahren, die in der Lebensmittelkette auftreten können, und bestimmt die angemessenen Steuerungsmaßnahmen.

Kategorien von Gefahren

  • Biologische Gefahren: Pathogene Mikroorganismen (Salmonellen, Listerien, E. coli STEC, Campylobacter), Viren (Norovirus, Hepatitis A), Parasiten (Anisakis, Trichinen), Schimmelpilze und Mykotoxine
  • Chemische Gefahren: Pestizidrückstände, Schwermetalle, Reinigungsmittelrückstände, Migrationsstoffe aus Verpackungen, Prozessbedingte Kontaminanten (Acrylamid, PAK), Tierarzneimittelrückstände, Allergene
  • Physikalische Gefahren: Glas, Metall, Kunststoff, Holz, Steine, Knochen, Insektenteile — alles, was Verletzungen verursachen kann (Erstickung, Zahnbruch, Schnittverletzung)
  • Allergene Gefahren: Die 14 EU-kennzeichnungspflichtigen Allergene gemäß VO (EU) Nr. 1169/2011 (siehe Abschnitt Allergen-Management)

Bewertungsmethode

Jede identifizierte Gefahr wird nach zwei Kriterien bewertet:

  • Schwere der gesundheitlichen Auswirkung: Von leichter Unwohlsein bis lebensbedrohlich/tödlich
  • Wahrscheinlichkeit des Auftretens: Unter Berücksichtigung der bestehenden PRPs und bisherigen Erfahrungen

Gefahren mit hoher Schwere und/oder hoher Wahrscheinlichkeit erfordern spezifische Steuerungsmaßnahmen (OPRP oder CCP). Gefahren mit niedriger Bewertung werden durch bestehende PRPs abgedeckt.

Risikomatrix für Lebensmittelsicherheit

Wahrscheinlichkeit / SchwereGeringMittelHochSehr hoch
HäufigOPRPCCPCCPCCP
WahrscheinlichPRPOPRPCCPCCP
MöglichPRPPRPOPRPCCP
SeltenPRPPRPPRPOPRP

Wichtig: Die Gefahrenanalyse ist kein einmaliger Vorgang. Sie muss bei jeder Änderung aktualisiert werden — neue Rohstoffe, neue Produkte, Prozessänderungen, Lieferantenwechsel, neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Rückruf-Informationen aus der Branche.

Allergen-Management

Allergene gehören zu den kritischsten Gefahren in der Lebensmittelproduktion. In der EU müssen gemäß Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (LMIV) 14 Hauptallergene in der Zutatenliste hervorgehoben werden. Für unverpackte Lebensmittel gelten nationale Vorschriften (in Deutschland die LMIDV).

Die 14 EU-Hauptallergene

Nr.AllergenBeispiele
1Glutenhaltiges GetreideWeizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel
2KrebstiereGarnelen, Krabben, Hummer
3EierHühnerei und Erzeugnisse daraus
4FischAlle Fischarten
5ErdnüsseErdnüsse und Erzeugnisse daraus
6SojabohnenSoja und Erzeugnisse daraus
7Milch (Laktose)Kuhmilch und Erzeugnisse daraus
8SchalenfrüchteMandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Cashewnüsse, Pecannüsse, Paranuss, Pistazie, Macadamia
9SellerieKnollen- und Staudensellerie
10SenfSenfkörner, Senfpulver, Senföl
11SesamsamenSesam und Erzeugnisse daraus
12Schwefeldioxid / SulfiteKonzentration > 10 mg/kg oder 10 mg/l SO2
13LupinenLupinensamen, Lupinenmehl
14WeichtiereMuscheln, Tintenfisch, Schnecken

Allergen-Management-Programm

Ein wirksames Allergen-Management umfasst:

  • Allergen-Matrix: Tabellarische Übersicht aller Produkte und ihrer Allergengehalte (enthalten, Kreuzkontamination möglich, frei von)
  • Lieferantenmanagement: Allergendeklaration bei jedem Rohstoff einfordern, Spezifikationen prüfen
  • Produktionsplanung: Allergenbehaftete Produkte zuletzt produzieren, Reinigung zwischen Chargen validieren
  • Trennung: Separate Lagerung allergenhaltiger Rohstoffe, farbcodierte Utensilien
  • Reinigungsvalidierung: Nachweis, dass Allergenrückstände nach der Reinigung unter dem Schwellenwert liegen (z.B. Lateral-Flow-Tests)
  • Schulung: Alle Mitarbeiter müssen die Allergene und die betrieblichen Maßnahmen kennen
  • Rückverfolgbarkeit: Allergenstatus auf Chargenebene nachvollziehbar

Praxistipp: Der Hinweis "Kann Spuren von... enthalten" ist eine freiwillige Angabe und darf nur verwendet werden, wenn trotz aller Maßnahmen ein reales Kreuzkontaminationsrisiko besteht. Er ersetzt keine Allergensteuerung und darf nicht pauschal auf alle Produkte gedruckt werden.

Rückverfolgbarkeit (Traceability)

Die Rückverfolgbarkeit ist nach Artikel 18 der EU-Basisverordnung (EG) Nr. 178/2002 für alle Lebensmittelunternehmer gesetzlich vorgeschrieben und ein zentrales Element von ISO 22000 (Klausel 8.3). Sie ermöglicht die lückenlose Verfolgung eines Lebensmittels durch alle Stufen der Produktion, Verarbeitung und Distribution.

Das Prinzip "One Step Back, One Step Forward"

Jedes Unternehmen in der Lebensmittelkette muss mindestens wissen:

  • One Step Back: Von wem habe ich die Rohstoffe/Zutaten erhalten? (Lieferant, Charge, Datum)
  • One Step Forward: An wen habe ich das Produkt geliefert? (Kunde, Menge, Datum)

Intern muss die interne Rückverfolgbarkeit sicherstellen, dass jede Produktionscharge zu den eingesetzten Rohstoffchargen zurückverfolgt werden kann. Dies erfordert ein systematisches Chargenmanagement.

Anforderungen an das Rückverfolgbarkeitssystem

  • Chargenkennzeichnung: Jede Produktionscharge erhält eine eindeutige Kennung
  • Rohstoffzuordnung: Welche Rohstoffchargen sind in welche Produktchargen eingeflossen?
  • Zeitstempel: Wann wurden Rohstoffe eingesetzt, Produkte hergestellt und ausgeliefert?
  • Mengenbilanz: Input-Output-Bilanz zur Verifikation der Daten
  • Schnelligkeit: ISO 22000 erwartet, dass Rückverfolgbarkeitsdaten innerhalb von 4 Stunden verfügbar sind. In der Praxis fordern Handelspartner oft 2 Stunden oder weniger.

Rückverfolgbarkeitsübung (Mock Recall)

ISO 22000 und die meisten Handelstandards (IFS, BRC) fordern regelmäßige Rückverfolgbarkeitsübungen. Dabei wird anhand einer realen Charge die vollständige Kette vorwärts (Welche Kunden haben die Charge erhalten?) und rückwärts (Welche Rohstoffe stecken in der Charge?) nachvollzogen.

Bewertungskriterien: Vollständigkeit (≥ 100 % der Menge nachvollzogen), Geschwindigkeit (innerhalb des Zeitziels, z.B. 4 Stunden) und Genauigkeit (korrekte Zuordnung der Chargen). Eine Abweichung bei der Mengenbilanz von mehr als 2 % deutet auf Schwächen im System hin.

Rückrufpläne und Krisenmanagement

Ein Rückruf ist die schwerwiegendste Maßnahme in der Lebensmittelsicherheit. ISO 22000 (Klausel 8.9.5) fordert, dass Organisationen ein dokumentiertes Verfahren für den Umgang mit potenziell unsicheren Produkten haben, einschließlich Rückruf und Rücknahme.

Rückruf vs. Rücknahme

  • Rückruf (Recall): Produkt hat den Endverbraucher bereits erreicht. Öffentliche Warnung erforderlich (z.B. über lebensmittelwarnung.de)
  • Rücknahme (Withdrawal): Produkt ist noch im Handel, aber nicht beim Endverbraucher. Stille Entfernung aus dem Regal möglich.

Elemente eines Rückrufplans

  • Krisenteam: Namentlich benannte Personen mit klaren Rollen (Leiter, Kommunikation, Logistik, Qualität, Rechtsabteilung)
  • Kontaktlisten: Kunden, Lieferanten, Behörden (zuständige Lebensmittelüberwachung), Labore, Medien
  • Entscheidungsmatrix: Wann Rückruf, wann Rücknahme? Kriterien: Gesundheitsrisiko, Verbreitung, Zielgruppe
  • Kommunikationsvorlagen: Vorbereitete Texte für Kunden, Behörden, Presse und Verbraucher
  • Logistik: Wie werden Produkte physisch zurückgeholt? Quarantäne-Lager, Vernichtungsnachweis
  • Rückverfolgbarkeit: Betroffene Chargen identifizieren (siehe vorheriger Abschnitt)
  • Nachbereitung: Ursachenanalyse, CAPA, Lessons Learned, Aktualisierung der Gefahrenanalyse

Meldepflichten in Deutschland

Lebensmittelunternehmer sind nach Artikel 19 VO (EG) 178/2002 verpflichtet, die zuständige Behörde unverzüglich zu informieren, wenn sie Grund zu der Annahme haben, dass ein Lebensmittel nicht sicher ist. In der Praxis bedeutet das: sofortige Meldung an das zuständige Veterinäramt / die Lebensmittelüberwachung. Die Behörde meldet über das RASFF (Rapid Alert System for Food and Feed) europaweit.

Rückrufübung (Mock Recall)

Mindestens einmal jährlich sollte eine vollständige Rückrufübung durchgeführt werden. Diese simuliert den gesamten Prozess von der Entscheidung bis zur Benachrichtigung aller Kunden. Ergebnisse: Zeitbedarf, Erreichbarkeit der Kontakte, Vollständigkeit der Rückverfolgbarkeitsdaten.

Praxistipp: Führen Sie die Rückrufübung an einem regulären Arbeitstag durch, nicht an einem eigens vorbereiteten Termin. Nur so zeigen sich reale Schwächen in der Erreichbarkeit und Datenverfügbarkeit.

Zertifizierung nach ISO 22000

Die Zertifizierung nach ISO 22000 erfolgt durch eine akkreditierte Zertifizierungsstelle. In Deutschland erfolgt die Akkreditierung durch die DAkkS. Der Zertifizierungsprozess ähnelt dem anderer ISO-Normen, hat aber lebensmittelspezifische Besonderheiten.

Phasen der Zertifizierung

  • Phase 0 — Aufbau des FSMS (6–18 Monate): HACCP-Plan erstellen, PRPs implementieren, Verfahren dokumentieren, Personal schulen, interne Audits durchführen.
  • Phase 1 — Stage 1 Audit (Dokumentenprüfung): Bewertung der Dokumentation, des HACCP-Plans und der Gefahrenanalyse. Typisch 1–2 Tage.
  • Phase 2 — Stage 2 Audit (Vor-Ort): Produktionsbereiche begehen, Hygienezustand prüfen, Aufzeichnungen einsehen, Mitarbeiter befragen. Typisch 2–5 Tage.
  • Zertifikatserteilung: Gültigkeit 3 Jahre.
  • Überwachungsaudits: Jährlich (Jahre 2 und 3).
  • Re-Zertifizierung: Alle 3 Jahre vollständiges Audit.

Typische Nichtkonformitäten

BereichHäufige FeststellungSchwere
GefahrenanalyseAllergene nicht berücksichtigt oder unvollständigHauptabweichung
CCP-ÜberwachungLücken in den TemperaturaufzeichnungenHauptabweichung
PRPsSchädlingsmonitoring-Berichte veraltetNebenabweichung
RückverfolgbarkeitMock Recall nicht durchgeführt oder nicht dokumentiertNebenabweichung
KompetenzHACCP-Schulung des Teams nicht nachweisbarNebenabweichung
VerifizierungInternes Audit des HACCP-Systems fehltHauptabweichung

ISO 22000 vs. IFS / BRC / FSSC 22000

Neben ISO 22000 existieren weitere Standards für Lebensmittelsicherheit:

  • FSSC 22000: Aufbauend auf ISO 22000 + ISO/TS 22002-1 + Zusatzanforderungen. Von der GFSI anerkannt.
  • IFS Food: Eigener Standard, verbreitet im deutschsprachigen und französischen Handel. Von der GFSI anerkannt.
  • BRC Global Standard: Britischer Standard, international verbreitet. Von der GFSI anerkannt.

Wichtig: ISO 22000 allein ist nicht GFSI-anerkannt. Wer die GFSI-Anerkennung benötigt (Anforderung vieler Handelskonzerne), sollte FSSC 22000, IFS oder BRC wählen. ISO 22000 bleibt jedoch die Grundlage für FSSC 22000.

Wie CERTISCAN bei ISO 22000 hilft

CERTISCAN unterstützt Lebensmittelunternehmen bei der Umsetzung und Aufrechterhaltung eines Lebensmittelsicherheits-Managementsystems nach ISO 22000 mit folgenden Funktionen:

HACCP-Dokumentation im IMS

Das integrierte Managementsystem (IMS) von CERTISCAN deckt alle 10 Klauseln der ISO 22000 ab. Der HACCP-Plan, die Gefahrenanalyse, CCP- und OPRP-Beschreibungen, Verifizierungsnachweise und Korrekturmaßnahmen werden zentral verwaltet. Dokumente durchlaufen den definierten Lebenszyklus mit lückenloser Versionierung.

Allergen-Matrix und Spezifikationsmanagement

Verwalten Sie Ihre Allergen-Matrix digital. Bei Rezeptur- oder Lieferantenänderungen werden betroffene Produkte automatisch markiert. Spezifikationen von Lieferanten können mit Fälligkeiten hinterlegt werden — CERTISCAN erinnert rechtzeitig an die Aktualisierung.

Rückverfolgbarkeit und Chargenmanagement

Die QR-Code-basierte Dokumentation von CERTISCAN ermöglicht die Erfassung von Chargeninformationen direkt am Prozessschritt. Rückverfolgbarkeitsabfragen (vorwärts und rückwärts) sind in Echtzeit durchführbar — ideal für Mock Recalls und reale Krisensituationen.

Prüfungs- und Überwachungsdokumentation

CCP-Überwachungsdaten (z.B. Temperaturwerte) können per App oder IoT-Sensoren erfasst werden. Abweichungen lösen automatische Benachrichtigungen aus. Alle Daten fließen in den WORM-Audit-Trail und sind manipulationssicher gespeichert.

Audit-Vorbereitung und Compliance-Score

Der Compliance-Score zeigt auf einen Blick, wie gut Ihre Organisation die Anforderungen der ISO 22000 erfüllt. Der KI-gestützte Auditbericht identifiziert Lücken in Ihrer HACCP-Dokumentation und gibt Empfehlungen. Sicherheitsbegehungen und interne Audits können direkt in CERTISCAN geplant und dokumentiert werden.

Schulungsmanagement

HACCP-Schulungen, Hygieneschulungen nach VO (EG) 852/2004 und Allergenschulungen verwalten. CERTISCAN erinnert automatisch an fällige Auffrischungen und dokumentiert die Teilnahme lückenlos — ein häufiger Prüfungspunkt bei Zertifizierungsaudits.

Ergebnis: Lückenlose digitale Dokumentation, schnelle Rückverfolgbarkeit auf Knopfdruck und die Sicherheit, bei Audits und Behördenkontrollen jederzeit auskunftsfähig zu sein.

Not legal advice – provided without warranty. Amounts, deadlines and thresholds may change; consult a professional if in doubt.

Contents
  1. 01Was ist ISO 22000?
  2. 02HACCP-Grundlagen
  3. 03Die 7 HACCP-Prinzipien
  4. 04CCP vs OPRP vs PRP — Die drei Steuerungsebenen
  5. 05Gefahrenanalyse nach ISO 22000
  6. 06Allergen-Management
  7. 07Rückverfolgbarkeit (Traceability)
  8. 08Rückrufpläne und Krisenmanagement
  9. 09Zertifizierung nach ISO 22000
  10. 10Wie CERTISCAN bei ISO 22000 hilft

Frequently asked questions

Was ist der Unterschied zwischen HACCP und ISO 22000?
HACCP ist ein System von 7 Prinzipien zur Gefahrenkontrolle in der Lebensmittelproduktion. ISO 22000 ist ein vollständiges Managementsystem, das HACCP-Prinzipien integriert, aber darüber hinaus Anforderungen an Führung, Ressourcen, Kommunikation und fortlaufende Verbesserung stellt.
Ist ISO 22000 in Deutschland Pflicht?
Die Zertifizierung nach ISO 22000 ist freiwillig. Allerdings ist die Anwendung von HACCP-Grundsätzen nach Artikel 5 der VO (EG) 852/2004 für alle Lebensmittelunternehmer gesetzlich vorgeschrieben. ISO 22000 bietet den systematischen Rahmen zur Erfüllung dieser EU-Pflicht.
Was ist ein CCP (Critical Control Point)?
Ein CCP ist ein Punkt im Produktionsprozess, an dem eine Kontrolle angewendet werden kann und wesentlich ist, um eine Lebensmittelsicherheitsgefahr zu verhindern, zu beseitigen oder auf ein akzeptables Maß zu reduzieren. Beispiel: Pasteurisierung bei 72 °C.
Was ist der Unterschied zwischen CCP und OPRP?
Ein CCP hat messbare kritische Grenzwerte und erfordert bei Überschreitung sofortige Produktsperrung. Ein OPRP hat Handlungskriterien (Action Criteria) und erfordert bei Abweichung Korrekturmaßnahmen und Produktbewertung, aber nicht zwingend eine Sperrung. OPRPs kontrollieren weniger schwerwiegende Gefahren.
Wie viele CCPs sollte ein Betrieb haben?
Es gibt keine feste Zahl. In der Praxis haben die meisten Lebensmittelbetriebe 2–5 echte CCPs. Typische CCPs sind Erhitzungsschritte (Pasteurisierung, Kochen), Metalldetektion und Kühltemperaturkontrolle. Weniger ist mehr — zu viele CCPs führen zu unkontrollierbarer Dokumentation.
Welche Allergene müssen in der EU gekennzeichnet werden?
Die EU-LMIV (VO 1169/2011) listet 14 Hauptallergene: Glutenhaltiges Getreide, Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch, Schalenfrüchte, Sellerie, Senf, Sesam, Schwefeldioxid/Sulfite, Lupinen und Weichtiere. Diese müssen in der Zutatenliste hervorgehoben werden.
Was ist ein Mock Recall?
Ein Mock Recall ist eine Rückverfolgbarkeitsübung, bei der anhand einer realen Produktionscharge die vollständige Kette vorwärts (zu welchen Kunden?) und rückwärts (welche Rohstoffe?) nachvollzogen wird. Ziel: Nachweis, dass das System innerhalb der Zeitvorgabe (typisch 4 Stunden) funktioniert.
Ist ISO 22000 von der GFSI anerkannt?
Nein, ISO 22000 allein ist nicht GFSI-benchmarked. Für die GFSI-Anerkennung benötigen Sie FSSC 22000 (basiert auf ISO 22000 + ISO/TS 22002-1), IFS Food oder BRC. Viele Handelskonzerne verlangen GFSI-anerkannte Standards von ihren Lieferanten.
Wie oft muss die Gefahrenanalyse aktualisiert werden?
Die Gefahrenanalyse muss bei jeder wesentlichen Änderung aktualisiert werden: neue Rohstoffe, Produkte, Prozesse, Lieferanten, Reklamationen, Rückrufe in der Branche oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Unabhängig davon empfiehlt sich eine jährliche Überprüfung.
Was kostet die Zertifizierung nach ISO 22000?
Die externen Auditkosten liegen je nach Betriebsgröße und Komplexität zwischen 4.000 und 20.000 EUR pro Zertifizierungszyklus (3 Jahre). Hinzu kommen interne Kosten für HACCP-Teamaufbau, Schulungen, Laboranalysen und ggf. Beratung. Kleine Betriebe können mit ca. 4.000–8.000 EUR für die Auditkosten rechnen.

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